Öffentliche Meinung - vierte Gewalt - Wiki-Meinung

e-Mail vom 06. Februar 2005

Helmut P. Krause an Jimmy Wales, Wikimedia Foundation Inc.

 

Sehr geehrter Herr Wales,

ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 04. Februar 2005 zum Thema „Wissen von unten“ veranlasst mich, Ihnen diesen Brief zu schreiben.

Ich leite als freier Trainer Seminare zum Arbeitsrecht und bin Fachanwalt für Arbeitsrecht. Gelegentlich schreibe ich kritische und/oder satirische Artikel und Bücher zum Thema Arbeitsrecht, speziell zum Thema Arbeitsrecht (BAT/MTArb/BMT-G) des öffentlichen Dienstes in Deutschland. Im Internet finden Sie einige Gedanken von mir z.B. unter: www.universelle-normenhierarchie.de, www.sozial-bionik.de, www.querdenkernetzwerk.de und www.quoten-tarifvertrag.de.

Mich beschäftigt seit langem die Frage, ob alles, was auf der Welt bzw. in Ihrem und meinem Land passiert o.k. ist. In den Fällen, in denen ich zu dem Schluss komme, dass etwas nicht o.k. ist, frage ich mich, was ich tun kann. *)

Als Schüler bzw. als Jurastudent habe ich gelernt, dass es in einer Demokratie in der Regel drei Gewalten gibt, die „alles“ regeln: Legislative, Exekutive und Judikative. Nur ganz selten wird darüber gesprochen und geschrieben, dass es „eigentlich“ eine weitere, eine „vierte Gewalt“ gibt: die öffentliche Meinung, die transportiert wird von den Medien Fernsehen, Zeitschriften und Internet.

Im günstigsten Fall geben diese Medien die öffentliche Meinung ehrlich und unverfälscht wieder. Im ungünstigsten Fall wird sie ihnen von der „fünften Gewalt“, Kapitalgebern und gut zahlenden Werbekunden, „diktiert“.

Hier setzt jetzt meine Frage an:

Wäre es nicht an der Zeit, die Möglichkeiten des Internets zu nutzen, um dieser öffentlichen Meinung ein „offizielles“ / "zentrales" / "neutrales" Zuhause zu geben?

Wenn ich die Entwicklung von Wikinews richtig verfolgt habe, scheint es bei der Produktion und Verbreitung von Nachrichten einigen rechtlichen und tatsächlichen Widerstand zu geben. Dies entnehme ich insbesondere dem Spiegel-Artikel vom 06. Dezember 2004 zum Thema „Wiki-News – Und noch ein Blog...“ - ganz abgesehen davon, dass Nachrichten aus zweiter oder dritter Hand für den Leser tatsächlich keinen besonders hohen Mehrwert oder Nutzen haben können.

Ganz anders sieht die Sache bei der Ermittlung und Darstellung der „öffentlichen Meinung“ aus. Damit könnte Wikipedia seinen Nutzern einen deutlichen Nutzen und einzigartigen Mehrwert bieten.

 

Hier der erste Roh-Entwurf für solch ein Projekt:

Stufe 1:

Wiki-Meinung sammelt im Wege eines Brainstormings („gute“) Fragen bzw. Thesen ein.

Um das System nicht mit Fragen wie: „Soll ich meinen Goldhamster lieber Hansi oder Mausi nennen?“ zu überlasten, könnte man ein Quorum einführen. z.B.: jede eingereichte Frage/These muss von drei „Aktiven“ unterstützt werden.

Stufe 2:

Diese Fragen/Thesen werden in Kategorien eingeteilt. Z.B.: „weltweit wichtig“, „nur/hauptsächlich für USA/Deutschland von Bedeutung“, etc. und von Wikipedia bzw. Wiki-Meinung zur Abstimmung gestellt.

Stufe 3:

Wer an der Abstimmung teilnehmen will, muss sich bei einem Treuhänder anmelden und seine Identität offen legen. Von diesem Treuhänder erhält er eine Registrierungsnummer, ein Passwort, 100 Gewichtungspunkte 100 „Schönheitspunkte“ und 100 Bewertungspunkte.

Mit den 100 Gewichtungspunkten wird darüber abgestimmt, ob die Frage wichtig oder unwichtig ist.

Mit den 100 „Schönheitspunkten“ wird bewertet, welche Frage aus einer „Fragenfamilie„ sprachlich/inhaltlich am „schönsten“/treffendsten ist.

Mit den 100 Bewertungspunkten werden Meinungen abgefragt.

Alle Punkte können beliebig auf verschiedene Thesen verteilt und jederzeit umgeschichtet werden.

Nachdem es bei der „richtigen“ Demokratie in manchen Fällen schon immer ein Problem war, dass Stimmen nur gezählt und nicht gewogen wurden, könnte man z.B. 10 der 100 Stimmen (auf Antrag) als doppelt oder dreifach zählende „Expertenstimmen“ definieren. Mit diesen ggf. separat zu erfassenden Expertenstimmen könnte der Tendenz entgegengewirkt werden, dass „jeder bei allem“ mitredet (und mitentscheidet). (vgl. Capital-Elitepanel)

Die insgesamt 300 Stimmen die jeder Teilnehmer hat, können jederzeit umverteilt werden.

Stufe 4:

Ähnlich dem Verzeichnis oder Page-Rank bei Google könnte man aktive Teilnehmer mit einer gewissen Rückkoppelung ausstatten, die das sportliche Interesse an einer Teilnahme erhöhen könnte. Zusatzstimmen könnten z.B. vergeben werden, wenn jemand in der Vergangenheit mit seinen Prognosen nachweislich erfolgreicher gewesen ist als andere.

In einem Zeitalter, in dem zumindest der „alten Welt“ die bezahlte Arbeit auszugehen scheint, könnte eine mit so einem Wiki-Meinungs-Modul angebotene ehrenamtliche Tätigkeit als „privater Zukunftsforscher“ und „Meinungsgeber“ sowohl für die Teilnehmenden als auch für die Gesellschaft von großem Interesse sein.

Wenn es Ihnen gelingen würde, dieses Projekt zu realisieren, wären Sie nicht nur die „Königin von England“, sondern die „Königin der Welt“.

Hier einige Beispiele für Thesen/Fragen, deren Beantwortung mich interessieren würde – auch bzw. gerade weil sie möglicherweise nicht immer 100 % „politisch korrekt“ sind oder Tabuthemen betreffen:


Welt:

1) Auf der Erde sollten maximal 2 Mrd. Menschen leben.

2) Die Überbevölkerung der Erde ist kein ernsthaftes Thema.

3) Die Erde wird es auch noch geben, wenn es den Menschen gelungen ist, den letzten Baum zu fällen, den letzten Fluß zu vergiften und den letzten Fisch zu fangen.


USA/Welt:

1) In spätestens fünf Jahren wird die Verschuldung der USA zu einer ernsten Weltwirtschaftskrise führen.

2) Die USA werden in naher Zukunft auch Staaten, die bisher mit Ihnen „befreundet“ waren, in die „Achse des Bösen“ einreihen und besetzen.

3) Nachdem die USA alle „Schurkenstaaten“ besetzt und befriedet haben, wird sich die amerikanische Regierung gegen den Widerstand multinationaler Konzerne erfolgreich für eine gerechtere Verteilung des Wohlstands auf der Welt einsetzen.


Deutschland:

1) Eine Rente sollte im Normalfall (nur) derjenige bekommen, der mindestens 40 Jahre berufstätig war, mindestens vier Kinder aufzogen hat oder mindestens 40 Jahre ehrenamtlich tätig gewesen ist.

2) Im Jahr 2006 wird Gerhard Schröder als Bundeskanzler wiedergewählt werden.

3) Die Vorteile von „Harz IV“ überwiegen die Nachteile.

4) Wenn ich damit meinen Arbeitsplatz erhalten kann, bin ich bereit auf einen Teil meines bisherigen Gehaltes zu verzichten.

5) Es ist besser keinen Arbeitsplatz mit einem höheren Gehalt zu haben, als einen mit einem niedrigeren Gehalt.

6) Der Gesetzgeber in Deutschland tut so als ob alle Arbeitnehmer dumm, unfähig und potentiell kriminell sind.

7) Überstundenzuschläge sind aus sozialpolitischen Gründen abzulehnen.

8) § 77 Abs. 3 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG), der in vielen Fällen betriebliche Bündnisse für Arbeit verbietet, sollte ersatzlos gestrichen werden.

9) Parlamentarier sollten bei der Regelung ihrer Diäten und Nebentätigkeiten als befangen gelten.

10) Die Regelung der Diäten und Nebentätigkeiten von Parlamentarien sollte einem unabhängigen Gremium, das analog einer Jury in den USA gebildet wird, übertragen werden.

11) Eine weitere „willkürliche“ Verlängerung der durchschnittlichen Lebenserwartung würde dem „Generationenvertrag“ die Grundlage entziehen.

12) Gut wäre es, wenn Deutschland durch die Europäische Union oder eine internationale Institution verpflichtet werden würde, das Strafgesetzbuch um den Straftatbestand des Generationenbetruges zu erweitern:

(1) Als Generationenbetrüger wird bestraft, wer als Inhaber eines öffentlichen Amtes Konsumausgaben über Kredit finanziert und es innerhalb seiner Amtszeit nicht schafft, den Kredit zurückzuführen.

(2) Die Tat wird mit dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und einer Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.

(3) Der Versuch ist strafbar.

Allein schon dadurch, dass im Rahmen eines solchen Projektes wichtige Fragen „auf den Punkt“ gebracht werden, könnte Wikipedia einen deutlichen Beitrag zu einer „besseren Welt“ leisten.

Ich würde mich freuen, bald von Ihnen zu hören und stehe Ihnen für einen weiteren Gedankenaustausch jederzeit gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen


Helmut P. Krause

*) JF Kennedy: Frage nicht was Dein Land für Dich tun kann. Frage was Du für Dein Land tun kannst!

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